Sonntag, 4. Januar 2009

Die Israelis werden ihrer Siege nicht froh

02. Jänner 2009, 18:31, http://derstandard.at/?id=1229975369045

"Lebensregeln für den Nahen Osten" Nr. 12 lautet: "Die Israelis werden immer gewinnen, aber die Palästinenser werden immer sicherstellen, dass sie dessen niemals froh werden."

Der New York Times-Kolumnist Thomas Friedman, ein langgedienter Nahost-Korrespondent, stellte vor einigen Jahren „Lebensregeln für den Nahen Osten auf". Nr. 12 lautet: „Die Israelis werden immer gewinnen, aber die Palästinenser werden immer sicherstellen, dass sie dessen niemals froh werden."

Mehr muss man zum voraussichtlichen Ausgang des Feldzuges der israelischen Streitkräfte gegen die Hamas in Gaza nicht sagen. Die Israelis werden den religiösen Fanatikern von der Hamas schweren Schaden zufügen (noch mehr den Zivilisten in Gaza), aber sie werden nicht „die Sicherheitssituation verbessern", wie es das erklärte Kriegsziel der israelischen Regierung ist. Es werden sich immer neue fanatisierte junge Männer finden.
Die Gewaltanwendung der Israelis wird in Europa fast überall als unverhältnismäßig - und letztlich kontraproduktiv - angesehen. Da ist etwas dran. Leser Christian Bauer sendet ein Tondokument mit einer Äußerung Bruno Kreiskys aus 1986 anlässlich des 65.Geburtstages des Dichters Erich Fried: „... ehe ich mich hier so eindeutig negativ über die Folgen des Terrors äußere, möchte ich auch sagen, dass ich ebenso, mit der gleichen Schärfe, und mit vielleicht noch mehr Schärfe, weil das die Klügeren sein müssten, mich gegen den Antiterror wende. Der Antiterror hat - dreißig Jahre vom Staate Israel und seiner Militärmacht praktiziert - nur eine Eskalation des Terrors gebracht."
Dem im Grundsatz zuzustimmen - die über 20 Jahre, die seither vergangen sind, haben Kreiskys Diktum nur bestätigt -, heißt aber nicht, die andere Seite der Realität zu leugnen: Israel sieht sich einem absolut intransigenten, brutalen Feind mit einem geschlossenen totalitären Weltbild gegenüber.

Für die Hamas spielt die haushohe militärische Überlegenheit der Israelis keine Rolle. Islamische Fundamentalisten sind - wie alle Fundamentalisten - überzeugt, dass die eigene heilige Lehre auf lange Sicht auch den Sieg über den stärksten Feind sichert. Die Fatah, Arafats alte, nichts so religiös grundierte Bewegung, hat den Staat Israel irgendwie akzeptiert. Für die Hamas ist die Überwindung Israels eine Etappe auf dem Weg zu einem totalitären Gottesstaat im alten Palästina (die Israelis können dort ruhig weiterleben - als „Dhimmis", ungläubige Bürger zweiter Klasse).

Die Hamas ist eine jener undemokratischen Bewegungen, die fatalerweise durch den Wählerwillen an die Macht gekommen sind. Die Wähler hatten von allen anderen so genug, dass sie für die Ultras stimmten. Die Hamas wäre allerdings wohl wieder wegzubringen - politisch, und nicht, indem die israelische Armee den Menschen in Gaza das Leben noch mehr zur Hölle macht. Wahrscheinlich kann Israel die Macht aller Radikalen unter den Palästinensern nur untergraben, indem es deren Leben einer Normalität annähert - keine Blockade in Gaza, kein Besatzungsregime im Westjordanland. Dann verlieren die Radikalen ihre Basis. Vielleicht.
Das liefe auf einen gigantischen Vertrauensvorschuss der Israelis hinaus. Und angesichts der Natur ihrer Feinde kann man es nicht wirklich wagen, das von außen zu empfehlen. Aber alles andere wurde schon probiert. (DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.1.2009)

Kommentar veröffentlichen