Donnerstag, 12. Januar 2012

Tagung: »Normalungetüme«. Von der Gewaltphantasie zum ›Amoklauf‹

»Normalungetüme«. Von der Gewaltphantasie zum ›Amoklauf‹
37. Jahrestagung des Arbeitskreises Politische Psychologie (DVPW)
und der Arbeitsgruppe »Psychoanalyse, Gesellschaft, Kultur«
am 5. und 6. Mai 2012 im Sigmund-Freud-Institut

Als im Juli 2011 bekannt wurde, dass Andreas Breivik fast eine Tonne Sprengstoff gezündet und beinahe 70 Menschen erschossen hatte, war dies ein Schock – nicht nur für das als friedlich geltende Norwegen, sondern für die gesamte ›westliche‹ Welt. Jene Form massenhaften Tötens durch Einzeltäter im öffentlichen Raum, die durch den Begriff ›Amoklauf‹ angedeutet, aber – auch aufgrund der Verschiedenheit der Phänomene – nur unzureichend beschrieben ist, hat in der letzten Dekade weltweit zugenommen. Erinnert sei z.B. an die Gewalttaten in der Columbine High School (1999), im Gutenberg Gymnasium in Erfurt (2002) oder in der Albertville Realschule in Winnenden (2009). Die 37. Jahrestagung des Arbeitskreises Politische Psychologie (DVPW) will sich aus der Perspektive einer dezidiert psychoanalytischen politischen Psychologie mit den gesellschaftlichen und individuellen Bedingungen und politischen Dimensionen von amokartigen Gewalttaten beschäftigen.
Gewalt erscheint in der öffentlichen Wahrnehmung fast immer als etwas Fremdes, das in eine friedlich-zivilisierte Welt überraschend ›einbricht‹ – gerade wenn es um amokartige Gewalt in ›westlichen‹ Gesellschaften geht. Geredet wird dabei über psychopathische TäterInnen, zerrüttete Familienstrukturen und soziale Randgruppen, aber kaum über die gesellschaftlichen und individuellen Konstitutionsbedingungen von Gewalt.
Die Psychoanalyse hat mit Nachdruck auf die Ubiquität von Gewaltphantasien und mörderischen Impulsen hingewiesen, die in der Entwicklung jeder/s Einzelnen eine prominente Rolle spielen. Auch dann, wenn sie einigermaßen sozialverträglich gehemmt werden, können sie unter bestimmten psychosozialen Bedingungen nachträglich umgeformt erneut auf Ausdruck und Abfuhr drängen – insbesondere bei Männern und männlichen Jugendlichen in Form von physischer Gewalt. Gewalttaten sind in dieser Perspektive nicht das Fremde, das von außen in die Gesellschaft einbricht, sondern das (un)heimlich Vertraute. Kritische Gesellschaftstheorien betonen, dass die kapitalistische Vergesellschaftung auf Gewalt beruht und familiäre wie schulische Sozialisationsprozesse von gewaltförmigen Macht- und Herrschaftsverhältnissen durchzogen sind. Es ist ein zentraler Topos einer psychoanalytischen und gesellschaftskritischen politischen Psychologie, dass die gesellschaftliche Normalität »Normalungetüme« (Adorno) gebiert, die in Krisenzeiten auch zu den Akten offener Gewalt fähig sind, die sich in Amokläufen zeigt.
Auf der 37. Jahrestagung des Arbeitskreises Politische Psychologie soll nach den gesellschaftlichen, den psychischen und den Sozialisationsbedingungen von Amokläufen und ihrer Zunahme, nach ihrer politischen Dimension und (verpassten) Interventionsmöglichkeiten gefragt werden. Erwünscht sind Beiträge, die sich dieser Art der Gewalt aus psychoanalytischen, gesellschafts-, geschlechter- und/ oder gewalttheoretischen Perspektiven annähern und sich z.B. mit folgenden Fragen beschäftigen:
- Inwiefern hat die Normalität kapitalistischer Vergesellschaftung unter neoliberalen Vorzeichen - Leistungsprinzip, Subjektivierung und Entgrenzung - eine Bedeutung für die Entstehung amokartiger Gewalt?
- Wie wird aus den allgegenwärtigen Gewaltphantasien konkretes Gewalthandeln? Was wirkt formend auf diese Gewaltphantasien ein?
- Warum wird amokartige Gewalt überwiegend von Männern begangen? Welche Bedeutung hat die gesellschaftliche Kategorie »Geschlecht« für diese Taten?
- Welche Bedeutung hat die Schule als soziale Institution für school shootings?
- Welche Rolle spielen einerseits die mediale Aufmerksamkeit, andererseits die Darstellung von Gewalt in den Medien bei der Zunahme von Amokläufen?
- Welche politische Dimension haben die Taten und was ist ihr politischer Kontext?

Bitte schicken Sie Vorschläge für Vorträge von 45 Minuten Dauer mit einem Abstract (max. 500 Wörter) und knappen biographischen Informationen bis spätestens zum 29. Januar 2012 an: Markus Brunner (brunner[at]soziologie.ch) und Jan Lohl (lohl@sigmund-freud-institut.de).
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