Montag, 15. Dezember 2008

Kämpfe um Hegemonie in der Alltagskultur

Montag, 15. Dezember 2008, 19:00 Uhr
Max und Moritz, Oranienstr. 162, Berlin-Kreuzberg, nähe U-Bahn Moritzplatz

Christina Kaindl und Janek Niggemann
Kämpfe um Hegemonie in der Alltagskultur

Der neue Kapitalismus setzte auf ein neues Verhältnis der Menschen zu sich selbst und auf ihre veränderten Erwartungen an die Gesellschaft. Ohne die Bearbeitung von Gewohnheiten, Stil, Geschmack, Lebensentwürfen und Selbstbildern wären Neoliberalismus und High-Tech-Kapitalismus nicht zu verstehen.
Die Veranstaltung untersucht die Bilder von Arbeit und Lebensweisen, wie sie in der Massen- und Alltagskultur thematisiert werden: in Fernsehserien und Zeitungsartikeln, in Werbebildern und Reality-Shows. Es werden Haltungen zur Vereinbarkeit von Privatem und Arbeitswelt, Sexualität und Emotionalität vermittelt, die die Mobilisierung der Einzelnen für die neuen Arbeitsregime thematisieren und mit Versprechen von Glück und einem erfüllten Leben verbinden.

Christina Kaindl:
Sexuelle Freizügigkeit und die Akzeptanz von „queeren" Lebensformen haben die soziale Basis neoliberaler Politik in den letzten Jahren erweitert. Der implizite gesellschaftliche Vertrag, dass sich „harte Arbeit gegen soziale Sicherheit tauscht", scheint ersetzt durch das Versprechen, dass JedeR akzeptiert wird, wie er / sie ist, wenn sie nur bereit sind, sich ganz auf den Markt zu werfen. Diskriminierungserfahrungen werden zur Ressource, Leistungsfähigkeit in Sexualität einerseits und Arbeit/Kunst andererseits scheinen sich gegenseitig zu bedingen. Anhand von Beispielen aus aktuellen Fernsehserien soll diskutiert werden, inwieweit diese Subjektpositionen in der Kulturindustrie repräsentiert und beworben werden, und wie sich darin Kämpfe um Lebensansprüche und Widerstand finden lassen.

Janek Niggemann:
In so genannten make-over-shows, in denen die Wohnung, der Kleidungsstil, das Äußere, z.T. sogar Gesichtszüge und Körperform „überarbeitet werden“, zeigen sich vielfältige Formen „alltäglichen Klassenkampfs“ (Bourdieu) und symbolischer Gewalt. Im Ringen um Abgrenzung und Prestige versucht eine prekarisierte oder von Prekarisierung bedrohte „Mittelschicht“, sich im Bereich der Kultur als das nach wie vor führende Personal zu legitimieren. Der Versuch, einen Konsens über eine verallgemeinerbare Lebensweise, über die Gefühls- und Sichtweisen der Menschen herzustellen, ist begleitet vom Sichtbarmachen, Diffamieren und Vorführen von ‚unpassenden’ Lebensweisen einer großen Anzahl von Menschen. Es soll diskutiert werden, wie die Umarbeitung von Lebensweisen in make-over-shows erzieherisch realisiert wird und wie die kulturellen Auseinandersetzungen ein Teil des Kampfes um gesellschaftliche Hegemonie sind.
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